Wie Brasilien unter dem Druck zusammenbrach – Ein Erklärungsversuch

Es war alles bereitet für ein nationales Freudenfest im Selecao-gelb-erleuchteten Stadion von Belo Horizonte. Bei den Nationalhymnen klarer Punktsieg für die leidenschaftlich singenden Brasilianer.

Geradezu spürbar der Wille ein ganzes Volk glücklich zu machen und von den vielen Problemen im Entwicklungsland Brasilien abzulenken.

Dann der Anpfiff. Energischer Beginn der Brasilianer. Doch es wird sofort deutlich, Deutschland zieht ein gut organisiertes Pressing auf, schaltet schnell um. Die Angriffe der Brasilianer schlagen sofort in Gegenangriffe der Deutschen um. Da wird ihnen bereits klar geworden sein, dass es heute schwer wird gegen Deutschland.

Die Führung durch Müller versetzte der Selecao den ersten Nackenschlag. Klose hatte David Luiz weggeblockt. Müller steht plötzlich wie so oft im freien Raum. Zack, 1:0. Über den Köpfen der Brasilianer schienen bereits Fragezeichen zu schweben. „Verdammt, was machen wir jetzt?“.

In der 23. Minute fiel das 2:0, welches alle Schleusen öffnete. Auf den Rängen flossen die Tränen, die brasilianische Mannschaft war nun vollends am Schwimmen.

Was in diesem Minuten geschah, hatte mit einem normalen Fußballspiel auf Weltklasse-Niveau wenig zu tun. Brasilien hatte einen völligen Blackout. Grundlegende Abläufe im Fußball, geschweige denn im Profi-Fußball, waren wie weggefegt.

Mir fielen gleich einige ähnliche Situationen ein, in denen Sportler derart an sich selbst (alles Kopfsache!) gescheitert sind. Das passiert, soweit ich das beobachtet habe, immer dann wenn einige Einflussfaktoren zusammenkommen und eine besondere Drucksituation herrscht. Menschen die dann nicht stabil bleiben, wie es bspw. oft bei Oliver Kahn, Roger Federer oder Sebastian Vettel zu beobachten war/ist, brechen in ihrer sportlichen Leistung manchmal völlig zusammen.

Einige Beispiele:

  1. Felix Neureuther bei der Heim-WM
  • Neureuther beim Slalom scheiter an seinem Hausberg am Druck und der eigenen Erwartungshaltung. „Habe 5 Jahre daraufhin trainiert!“
  1. Sabine Lisicki im Wimbledon Finale
  • Gegen eine unorthodox Spielende Marion Bartoli findet Lisicki nicht ins Spiel, kämpft später mit den Tränen und verliert deutlich in zwei Sätzen. Ein Drama.
  1. Der HSV im März 2013 beim 2:9 in München

 

Für die Brasilianer kamen an diesem Abend denke ich folgende Faktoren zusammen:

  • überhöhte Erwartungshaltung im eigenen Land
  • soziale Spannungen im Land, das Land soll durch den Fußball vereint werden
  • die Verletzungen von Neymar und Thiago Silva den Eckpfeilern des Teams
  • unerwartete Situation durch den frühen Rückstand
  • vllt. Unterschätzen der mentalen Anforderung die so ein Turnier stellt

 

Ich denke wie bei den o.g. Beispielen ist immer entscheidend wie ein Sportler in den Wettkampf reinfindet. Neureuther machte einen Fehler in den ersten Toren, Lisicki kassierte früh ein Break. In Wettkämpfen die nicht unter solchen extremen Vorzeichen stattfinden, wäre es viel einfacher gewesen ins Spiel oder in den Lauf zurückzufinden. Auf solch einem hohen Level ist es wichtig in einen „Flow“ zukommen. Also einen Zustand in dem alles wie von selbst läuft und nahezu aus dem Unterbewusstsein agiert wird. Sven Hannawalds Vierfach-Triumpf bei der Vierschanzentournee oder perfekte Qualifiying-Runden in der Formel 1 fallen in diese Kategorie. Auch Felix Neureuther hatte solche Flow-Erlebnisse schon bei diversen Rennen (z.B. bei seinem Sieg im Riesenslaom 2014)

Wird dieser Flow jedoch nicht erreicht oder durch unvorhergesehene Ereignisse gestört, kann ein Sportler kurzfristig aus der Bahn geraten. Wird dann ein Gegentor, Break oder Fehler jeder Art nicht abgehakt und mental verarbeitet, setzt das ganze „System“ aus.

So geschehen bei den Brasilianern. Voller Einsatz und Wille ins Spiel gestartet, versetzte ihnen das 1:0/2:0 dermaßen einen Tiefschlag, auch aufgrund der o.g. Faktoren/Begleitumstände, sodass dann das ganze System im Chaos der Gedanken und emotionalen Enttäuschung zusammenbrach. Einfachste taktische Vorgaben wurden nicht mehr eingehalten, Abstände zu Gegenspielern waren riesengroß. Die Selecao, ganz Brasilien, wirkte wie paralysiert. Unter anderen Umständen, sagen wir bei einem Vorrundenspiel, hätte sich die Mannschaft sicher wieder gefangen, auch wenn sie mit 2:0 oder 3:0 verloren hätten. Neymar so meine Einschätzung, hätte sich nicht so extrem beeindrucken lassen, einfach nicht nachgedacht.

Aus dem Scheitern in solchen Momenten ziehen große Sportler die Motivation in Zukunft solche Fehler zu vermeiden. Felix Neureuther z.B. hat sich inzwischen gezielt mit einem Mentaltrainer erfolgreich auf Drucksituationen eingestellt. In einer Mannschaftssportart wie Fußball scheint sich das ganze Problem aufgrund von gruppendynamischen Prozessen zu multiplizieren. Lassen einige Spieler die Köpfe hängen, zieht das die anderen mit runter. Im Negativen wie im Positiven („Wir haben einen Lauf!“).

Was bedeutet der 7:1 Sieg für das WM-Finale?

Wie bereits in den Interviews nach dem Spiel zu hören war, ordnen die DFB-Spieler und Verantwortlichen das Geschehene richtig ein und verfallen nicht dem Glauben der Sieg sei allen durch das überragende Auftreten der Deutschen zustande gekommen. Sicher hat die die DFB-Elf stark gespielt. Wegen dem brasilianischen Blackout erschien am Ende ein Spielstand auf der Anzeigetafel der sicher nicht das wahre Kräfteverhältnis der Teams wiederspiegelt.

Im Finale trifft Deutschland nun auf die Niederlande/Argentinien. Ein neues Spiel unter anderen Vorzeichen. Argentinien hat von der WM2010 auch noch ein Debakel im Hinterkopf….

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2 Antworten zu “Wie Brasilien unter dem Druck zusammenbrach – Ein Erklärungsversuch

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